Pilgerboots off

Nun bin ich mit der dritten Etappe tatsächlich schon im Département Saône-et-Loire angekommen. Weinberge gibt es immer noch, aber deutlich weniger als in den Tagen zuvor.

Die sonstige Landwirtschaft, Ackerbau und Viehzucht, hat hier das Regiment übernommen. Nur schade, dass meine geliebten Sonnenblumen schon deutlich die Köpfe hängen ließen, da sie offensichtlich kurz vor der Ernte stehen und die Sonnenblumenkerne mithin knackig reif sind.

Sensationelle Begrüßung am Morgen auf dem Chemin!

Habe mir bei der Begehung eines unvorstellbar riesigen Feldes einen kleinen Spaß erlaubt und hoffe, dass der Landwirt bei der Ernte auch darüber schmunzeln kann.

Im Kunstunterricht hab ich nie ne 2 bekommen!

Zu guter Letzt habe ich selbsredend auch ne Handvoll der schwarzen Kerne verkostet, schließlich gab es auf den heutigen 22 Kilometern Strecke mit 1.100 Höhenmetern leider keinerlei Einkaufs- / Einkehrmöglichkeiten.

In der Not steigt der Pilgergourmet dann eben auf Sonnblumenkerne, im Mix mit köstlich reifen Brombeeren und ner Zungenspitze Pfirsisch, um. Verhungert bin ich heute also nicht. Eher verdurstet, denn am Ende der Wanderung waren die transportierten 3 Liter l‘eau komplett runtergespült und der Rucksack mit seinen 6,5 kg Gewicht nahezu federleicht.

Mein Versuch, wie in jedem Pilgerjahr, Schmetterlinge in ihrer ganzen Schönheit abzulichten ging übrigens völlig in die Hose. Beim fünften Versuch hab ich die Jagd nach dem schönsten Fotomotiv abgebrochen. Irgendwie bekam ich sie nicht so richtig vor die Linse. Vielleicht lag es ja auch an der vom Herbergsvater Daniel am gestrigen Abend verordneten alkohollastigen „Medizin“ die meine fotografischen Koordinationsstörungen verursacht haben könnte … .

Abschied ist ein scharfes Schwert Teil 2 mit Herbergsvater Daniel

Mein heutiger Zielort Saint-Gengoux-le-National ist übrigens eine schnuckelig schöne mittelalterliche Stadt, die sogar eine Herberge anbietet, die heute dann auch endlich einmal genutzt wird.

Stadtzentrum Saint-Gengoux-le-National

Bonne nuit de Saint-Gengoux-le-National

Der Caminopilger

Die sonstigen Bilder des Tages:

Steiniger rutschiger Weg am Morgen
Ich pack das blaue Ding auf keinen Fall an!
After rain – Szenario auf dem Plateau!
Waschsalon in Moroges
Urgemütliche Bank
noch 12 km bis zum Tagesziel
1.800 km bis Santiago de Compostela
naturverbundene Pilgerwege
Pausen ohne Ende …
nettes Anwesen
Der tägliche Elephant- Schnappschuss
Kunst auf dem Chemin
schöne Farbe
Pilgerdämmerung, ein Selbstportrait ohne Hut
Ankunft in Saint-Gengoux-le-National
welch tolle mittelalterliche Stadt
Das Warten auf den Herbergsvater in der Kirche
Eine Pilgerherberge nur für einen Caminopilger (like always…)
Luxusbadezimmer für den Pilger
nightlife in Saint-Gengoux-le-National
Abendhimmel beim Gewitter in Saint-Gengoux-le-National

Chemin de Compostelle

Mein lieber Scholli! Was war das denn heute für ein Kontrastprogramm zum gestrigen Caminopilger 2023er Saisonauftakt? Streiche Asphaltpisten, batteriebetriebene Fahrräder und setze dafür einen Chemin ein, der alles brachte was das Pilgerherz so sehr begehrt! Ungetrübte Natur, Wälder, Wiesen, felsige Auf- und Abstiege. „Pilgerlandschaften“ wie aus dem Lehrbuch galt es zu durchschreiten!

rustikaler Pilgerweg

Ehrlich gesagt, habe ich die heutige Etappe mit ihren „lediglich“ 21 zu laufenden Kilometern doch etwas unterschätzt. Auf- und Abstiege von diversen Hügeln im Mittelgebirge führten zu der selbstkritischen Feststellung, dass ich doch wieder einmal in Konflikt mit meinem „Uhrlaufwerk“ geraten bin. Das Problem bestand darin, dass ich so viele Stunden wanderte und dabei verhältnismäßig wenige Kilometer hinter mich gebracht hatte.

Pilgerlandschaft vom feinsten

In der Nachbetrachtung lag es natürlich an meiner fahrlässigen Vorbereitung der Etappe, die das Höhenprofil (500 Meter hoch und 450 Meter runter + X) beim „Studium“ der Camino-Publikationen offensichtlich gänzlich ausgeklammert hatte.

Schönheiten am Wegesrand

In Jambles residiere ich mangels alternativer Möglichkeiten nahezu schon fürstlich und Daniel der pensionierte Betreiber des „Gitês“ hat mich nach Strich und Faden kulinarisch verwöhnt.

Gitês de France

Da es neben dem regionalen Glas Rotwein 🍷 aus der Bourgogne auch noch einen weinhaltigen Aperitiv und zum Abschluss des stärkenden Essens einen hochprozentigen Digestiv (Marillenschnaps) gab, der nach Daniels Meinung zur schonenenden Auflockerung meiner verspannten Muskulatur beiträgt.

Kein Wunder, dass ich mich am frühen Abend schon sehr zeitig in die Horizontale begab.

Wie war das noch einmal mit einer vernünftigen Vorbereitung einer Etappe auf dem Jakobsweg? Egal, es war ein sehr schöner Abend mit Daniel und Satine. Wobei Satine eine reizende Vierbeinerin ist, die Pilgerstreicheleinheiten dankbar in Empfang nahm.

Satine est sympa!

Der morgige Tag nach St. Gengoux wird das heutige Streckenprofil noch einmal geringfügig hinsichtlich der Laufstrecke und der dabei zu bewältigenden Höhenmeter übertreffen.

Bonne nuit des Jambles

Heiner

Die sonstigen Bilder des Tages:

Verabschiedung von Fanny am Morgen
Pilgerweg am frühen Morgen
Klassisches Pilgermotiv
Dieser Weg ist einfach nur ein Traum!
Caminopilger nur noch vereinzelt am Morgen in den Weinbergen unterwegs
Moosbehangener Weg
Café ☕️
Rue Saint Jacques
Pilgerweg
Château de Rully
Kirche in Mercurey
Weingut vom Waldrand betrachtet
verlassene Häuser in den Dörfern
Stiefellüften, so wichtig!
Château de Charnailles
Zielort Jambles am Nachmittag erreicht!
Quartier bezogen!
Der Caminopilger im funkelnagelneuen Odlo-Shirt

„Der Täter kehrt immer zurück an den Tatort“ sagt man doch, oder?

In der Tat kehrte der „Caminopilger“ heute nach gut 12 Monaten zurück nach … Beaune!

Ja, genau DAS hektische und menschenüberströmte Beaune, das ich im Juli 2022 nach Erreichen des letzten Etappenziels am Nachmittag des 22.07.2022 überaus fluchtartig und schlechtgelaunt in Richtung Dijon verlassen hatte, da es unter anderem an diesem besagten Juli-Tag nicht einmal möglich war einen einzigen Pilger für eine Nacht zu beherbergen.

Die ersten sonnenverwöhnten Meter in Beaune

Vielleicht gibt es doch so etwas wie die Liebe auf den zweiten Blick! Auch wenn es nach den Vorjahreserlebnissen selbstredend schwer zuzugeben ist … . Tatsächlich habe ich den Charme von Beaune am heutigen Morgen einmal „von der besseren Seite“ kennenlernen dürfen.

Vielleicht lag es ja auch an Louis de Funes, den ich vom Bahnhof Beaune kommend in der Stadt „traf“.

Louis de Funes mit einem Schuh 🥿 in der Hand

Sein riesiges Konterfei an der Häuserwand zauberte mir ein erstes Lächeln ins Gesicht, das, stimmungstechnisch gesehen, am heutigen Tag offensichtlich eine lang anhaltende Wirkung auf meinen Gemütszustand haben sollte.

Filmszene aus dem Jahr 1966

Später am Tag konnte ich dann dank „wikipedia.de“ in Erfahrung bringen, dass mein Lieblingskomiker aus Kindestagen, Louis des Funes, im Jahr 1966 den französischen Erfolgsfilm „Drei Bruchpiloten in Paris (Originaltitel: La Grande vadrouille), in Deutschland auch unter dem Titel „Die große Sause“ bekannt, unter anderem in der Stadt Beaune gedreht hat.

La Grande Vadrouille

Der heutige Weg schlängelte sich übrigens erwarteterweise auf 22 Kilometern durch diverse Weinberge des Burgunds und hatte wenige echte Höhepunkte. Der allgegenwärtige Asphaltboden in den Weinbergen brachte viele Fahrradtouristen und einen traditionell lederhuttragenden Fußpilger ins heutige Etappenziel Chagny.

Die Trauben reifen unaufhaltsam!

Gut, dass ich wenigstens meinen kleinen „Freund“ wieder auf den Chemin mitgenommen habe.

Merke: Zusammen ist Mann weniger allein!

Elefant auf dem Chemin

Untergebracht sind „wir“ heute bei Fanny Got einer bekannten Comedy-Artistin aus Chagny die, gemeinsam mit ihrer positiv verrückten Familie, Pilgern für eine Nacht eine Heimat schenkt und sich rührend um diese kümmert. Auf meine Frage hin, ob Fanny denn auch schon mal selbst auf den Jakobswegen unterwegs gewesen sei, kam ein blitzschnelles „Nein“ von ihr versehen mit dem warmherzigen Zusatz: „Ihr Pilger seid mein Jakobsweg.“

Da war er schon wieder, der Zauber des Jakobswegs.

Louis de Funes und Fanny Got, die schon in großen Comedy-Theatern in Paris auftrat, mehr kann ein Pilger am ersten Tag seines diesjährigen Pilgerabenteuers doch wirklich nicht verlangen, oder?

Hôtel de Ville Chagny

Bonne nuit des Chagny

Der Caminopilger

Ultreia, gehe deinen Weg.

Die sonstigen Bilder des Tages:

Beaune
wieder Beaune!
Hôtel de Ville Mersault
Zwischenmahlzeit!
Heilige Früchte 12.08.23 Part one
Heilige Früchte 12.08.23 Part two
Heilige Früchte 12.08.23 Part three
Unterschlupf für wen oder was auch immer!
Da gehts lang Richtung Chagny
Butterflies einmal als Kunstobjekt
Wegemarkierung
Ode an die Winzer
Yes! Chagny!!
Romanische Kirche Saint-Martin Chagny
Happy flowers, happy people!
Carsten, Heiner und Stephan am Ziel Ihrer Pilgerwanderung

Gestern Morgen erreichten wir früh gegen 11:30 Uhr die Kathedrale in Santiago de Compostela und haben unseren Camino de Santiago damit nach 738 Kilometern zu einem guten Abschluss geführt.

Carsten und ich fliegen bereits morgen nach Deutschland zurück. Stephans Flugzeug hebt hingegen erst eine Woche später ab. Er wird noch bis zum Atlantik pilgern und wir beneiden ihn deshalb ein klein wenig.

XXL-Kirchenglocken 🔔

Gleichwohl ich nicht als überaus eifriger Kirchengänger bekannt bin, war der Besuch der gestrigen Pilgermesse nach unserer Ankunft um 12:00 mittags der emotionale Höhepunkt der Pilgerreise. Die Gesänge der am Altar befindlichen Ordensschwester waren tief bewegend. Stimmlich eine Mischung aus Enya und Sinéad O’Connor („Nothing compares to you“) in einer etwas anderen musikalischen Verpackung und selbstredend in Ordenskleidung.

Heute laufen wir, zum Teil frisch geschoren, bereits wie Touristen durch eine stolze Stadt, die uns viel besser als Burgos und Leon gefällt. In den nächsten Stunden heißt es Abschied nehmen von Pilgerfreunden. Wir „Drei“ werden sicherlich ein wenig mehr Probleme damit haben, da wir doch so viele gemeinsame Stunden auf dem Camino Francés verbracht und dabei unsere unterschiedlichsten Sorgen und Nöte „geteilt“ haben.

Drei Pilgerfreunde am Monte do Gozo

Der Jakobsweg hat mir zeitgleich große Freude, Schmerzen, Leid, Trauer und Abschiede bereitet und Pilgerfreundschaften geschenkt.

Irgendwie vergleichbar mit dem Leben weit weg von den Pilgeretappen nach Santiago, nur wesentlich authentischer und intensiver. Eine wertvolle Erfahrung, die mich gelehrt hat, gewisse Dinge und Wege in meinem Leben ein wenig gelassener zu sehen und mich dabei auf das Wesentliche zu konzentrieren. Zum großen Glück braucht man sicherlich keinen Reichtum und protzige Statussymbole. Die Wochen in Bescheidenheit haben mir so viel mehr bedeutet, als alle bisher in meinem Leben verbrachten Urlaube. Abschied nehmen vom Camino als Fußpilger tut im wahrsten Sinne des Wortes weh. Ich werde mit dem festen Vorhaben nach Hause fliegen, eines Tages wieder die Kathedrale in Santiago de Compostela zum Ende einer Pilgerwanderung betreten zu wollen.

Kathedrale Santiago de Compostela am Tag nach unserer Ankunft

Bis dahin verbleibe ich mit einem freundlichen „Bon Camino“ und grüße damit insbeondere auch meine Pilgerfreunde Carsten und Stephan, die gemeinsam so viel dazu beigetragen haben, dass der Camino de Santiago immer einen festen Platz in meinem Herzen haben wird.

Santiago de Compostela, den 27.06.2008

Der Caminopilger

Die Fotos des Tages:

Die letzten Eukalyptusbäume vor Santiago!
Hinweisschild SANTIA GO!
auf dem Berg Monte do Gozo
Stadtgrenze Santiago de Compostela ist endlich erreicht
YES!
Stephan eilt in Richtung Kathedrale
Belohnungsbier unmittelbar nach Erreichen unseres Ziels
Kathedrale am Abend
stimmungsvolles Santiago
Stephan und Heiner beim lila Barbier!
Pilger-Trio nach dem Friseurbesuch 🙈
Begrüßung von bekannten Mitpilgern
wunderschönes historisches
Santiago de Compostela
frisch geschorener Caminopilger
randvoller Pilgerausweis nach 29 Tagen auf dem Camino Francés
Compostela für Henricum!

Da sitze ich nun „müde und abgekämpft“ auf der Treppe der Albergue Porta de Santiago in der Avenida de Lugo in O Pedrouzo (La Coruña) und tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Einerseits bin ich froh, dass der Camino Francés in noch nicht mal 20 km „zu Ende gegangen ist“, andererseits ist mir klar, dass ich den Jakobsweg und meine Pilgerfreunde Carsten und Stephan schon sehr bald vermissen werde. Ein herrliches Durcheinander in meiner Gefühlswelt, das meine private Situation derzeit noch nicht einmal ansatzweise dabei berührt … .

Im Hier und Jetzt zählt nur das Ankommen in Santiago de Compostela am morgigen Tag. Ich bin sehr gespannt, wie ich, emotional betrachtet, mit der Situation umgehen werde, nach fast einem Monat auf dem Camino de Santiago den Stecker zu ziehen und die „Pilgertracht“ ablegen zu müssen. Der Alltag in der Heimat ruft und das Flugzeug ist bereits bestellt um mich wieder an den Niederrhein zu bringen.

Gefangen in meiner ganzen Gefühlsduselei konnte ich heute auf der 34 Kilometer langen Tagesetappe nach O Pedrouzo leider erneut nicht den fotografischen Ehrgeiz in mir wecken.

Eukalyptuswälder vor O Pedrouzo, leichte Bewölkung am Himmel

Der Morgen war dunkel in den Eukalyptuswäldern hinter Melide und der Himmel später am Tag zumeist bedeckt. Wir haben die heutige Strecke mehr oder weniger „abgespult“ und waren froh, die Etappe so gut überstanden zu haben. Carstens silberne Moonraker-Stiefel haben gehalten und werden für unser morgiges Pilgerfinale mit dem bekannten Panzerband noch einmal für die letzten Kilometer verstärkt.

Wir werden gemeinsam den Weg zu Ende gehen und das allein ist für mich eine unfassbar schöne Geschichte. Was heißt hier schon Geschichte? Lasst es mich viel lieber ein großes Glück in meinem jungen Pilgerleben nennen.

Ich verspreche hoch und heilig, morgen am Tag wieder häufiger den Auslöseknopf meiner Digicam zu betätigen, damit der hoffentlich stimmungsvolle und freudige letzte Tag auf dem Camino Francés für alle Zeiten digital festgehalten ist. Wobei auch dies muß ich im nun folgenden Satz etwas relativieren. Übervolle Speicherkarten mit hunderten schönen Fotos können nicht annähernd das „Erlebte“ auf dem Camino de Santiago ersetzen, das Gespräch, das Gefühl, die Gedanken und schlichtweg den Pilgermoment!

Ultreia aus O Pedrouzo

Caminopilger Heiner

Wald hinter Melide am Morgen mit gelbem Pfeil
Pilgergedächtnistafel am Waldrand
Bananenstauden am Haus
19,5 km vor Santiago de Compostela
Eucalyptusbäume in ihrer ganzen Pracht
Getrocknete Eukalyptusblätter vom Camino Francés 2008

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