Verfasst von: Caminopilger | 30. Juni 2010

Der Monolith als stiller Motivator

33. Tag 30.06.2010
Habe die sechstletzte Etappe nach Vilalba (472 m über dem Meeresspiegel, 15.000 Einwohner) bei 28 Grad im Schatten relativ emotionslos heruntergespult und bin in einem Industriegebiet 1,5 km vor der Stadt nicht Meer allein im nach Geschlechtern fein säuberlich getrennten Schlafsaal der Herberge. Zwei ältere Franzosen leisten mir kommunikationsfrei Gesellschaft. Die Albergue ist in klassischen Militärfarben gehalten.

Daneben verleiht der bevorzugte Baustoff (Beton) dem Ganzen hier wirklich den Charme eines Luftschutzbunkers,

doch Schönheitspreise werden in dieser Phase des Caminos keine mehr vergeben. Jetzt heißt es nur noch ANKOMMEN und an den nächsten Tag denken. Freitag soll es wiederholt regnen, so habe ich den Plan für die nächsten zwei Tage noch einmal geändert und werde die Ultra-Etappe dann eben schon morgen bei stabilem Wetter laufen.

Die Monolithe entlang des Jakobsweges

weisen seit Ribadeo/Galicien die restlich bis Santiago zu laufenden Kilometer aus. Ich empfinde das als überaus motivierend, da es mit jedem Schritt spürbar nach vorne geht und die Betonklötze alle paar hundert Meter am Rand des Weges stehen. Der Pilger hat eben nur wenige mentale Trainer und Zuschauer entlang des Caminos und so betrachte ich die Monolithen als meine persönlichen Schrittmacher, die mir die gelaufenen „Strecken“ verkünden. Mann klammert sich halt an jeden Strohhalm bei Kilometer 733 in Nordspanien.
In die Stadt werde ich auf keinen Fall mehr gehen/laufen/oder auch hinken. Werde mich ausruhen und allenfalls heute Abend einen Sprung in die Bar von neben an wagen.
Hola aus Vilalba
DC
Tageskilometer am 30.06.2010: 20 km
Entfernung nach Santiago de Compostela: 124,2 km

Bis hier von Irun gelaufene Strecke: 733,1 km

Verfasst von: Caminopilger | 29. Juni 2010

Into the wild 2010

32. Tag 29.06.2010
Mit der Wahl „meiner“ Herbergen habe ich in den letzten Tagen ausgesprochenes Glück gehabt.

Die heutige in Gontan belohnt mich mit einer sonnenüberfluteten Dachterasse und Wifi-Anbindung für mein iPhone! Habe nach einer vom Höhenprofil sehr anspruchsvollen galicischen Bergetappe von Vilanova de Lourenza nach Gontan die Füße hochgelegt

und schreibe dann mal ein wenig… .
Bin gefragt worden, womit ich mich denn in all der Einsamkeit den ganzen lieben Tag auf der Piste gedanklich beschäftige?
Tiefgreifende Gedankengänge sind es nicht, dafür muss Mann! zu sehr auf Stöcke und Stolpersteine achten die im Weg liegen. In den letzten Tagen habe ich neben meiner beständigen jadefarbigen Welt

mehrmals an einen meiner Lieblingsfilme denken müssen. Into the wild von Sean Penn! Rieb die Schale von wildgewachsenen Zitrusfrüchten, Eukalyptusblättern und Rosmarin in den Händen und erinnerte mich an den tragischen Helden des Kinofilms, der sich in der Einsamkeit der Wildnis von wilden Kräutern und Beeren ernährt bis ein giftiges Grün seinem Leben ein qualvolles Ende bereitet. Habe die Filmmusik von Into the wild (Eddie Vedder-Leadsänger von Pearl Jam) im Kopf und dann passiert heute das Unglaubliche. Mitten in der galicischen Bergwildnis stehe ich vor einem zugewachsenen Autobus

und habe damit die Schnittmenge zu meinem Lieblingsfilm auf dem Camino gefunden,

da in der Tragödie ein verwilderter Bus die Behausung für den Aussteiger darstellt.

Mein Programm sieht für die nächsten zwei Tage fußschonende 20 und 22 km vor, bevor ich am Freitag versuchen werde, mit einer 40 km langen Wanderung von Baamonde nach Sobrado dos Monxes die längste Tagesetappe auf meinem Camino de la Costa/Camino del Norte zu laufen.
Drückt mir die Daumen, dass ich es bis da hin schaffe.
Hola aus Gontan
DC

Tageskilometer am 29.06.2010: 26,1 km
Entfernung nach Santiago de Compostela: 143,9 km
Bis hier von Irun gelaufene Strecke: 713,1 km

Happiness is only real when it’s shared.

Espania : Portugal
1:0
Viva La Galicia!

Verfasst von: Caminopilger | 28. Juni 2010

Zentrum für künstliche Besamung

31. Tag 28.06.2010
Hallo? Ja, ihr da draußen habt richtig gelesen….. Ich liege im Bett des (ehem.) Zentrums für künstliche Besamung in Vilanova de Lourenza

und erhole mich von der ersten galicischen Bergetappe. Ergänzend darf ich ich dazu sagen, dass besagtes Zentrum zwischenzeitlich zur Albergue umgebaut wurde und ausgesprochen hübsch geworden ist. Fühle mich hier richtig wohl und habe es mir in einem 8er Schlafraum

bequem gemacht, bin um 17:30 Uhr sogar noch allein in der Herberge! Das muss Mann den Pilgern auf dem Camino Francais einmal erzählen. Die werden es sicherlich nicht glauben! Nach einem erneuten Einlagenwechsel bei Kilometer 10 lief es heute wie geschmiert und ich bin ohne größeren neuen Probleme ins ehem. Besamungszentrum eingekehrt. Nach einem Monat (28.05.-28.06.2010) auf dem Camino bin ich dankbar dafür, dass ich noch der Gruppe der Fußpilger zugehörig bin und nicht gesundheitsbedingt auf Bus oder Bahn umsteigen musste. Davon gibt es mittlerweile einige Pilger, die fast immer ihr körperliches Leistungsvermögen falsch eingeschätzt haben und belastungsfreie Auszeiten zum Regenerieren benötigen.
Gutes Essen ist auf dem Camino unabdingbar. Ich wurde heute bereits gegen 16:15 Uhr von der galicischen Küche verwöhnt. Merluza a la Marinera garniert mit ein paar Muscheln, Gambas und Salzkartoffeln. Lecker!

Zuvor gab es einen Ensalada mixta mit Pan, 1,5 Liter Mineralwasser mit frischen Limonen und als Postre Tarte Chocolat&Cafe. Bezahlen durfte ich für all das Schöne gesamt 8,00 Euro. Ein kulinarisches Highlight auf meinem Weg.
Hola aus Vilanova de Lourenza
DC
Tageskilometer am 28.06.2010: 28,7 km
Entfernung nach Santiago de Compostela: 170 km
PS: Caminoumleitungen und gesprengte Jakobswege gibt’s auch in Galicien.

Perdon Asturias!

Verfasst von: Caminopilger | 27. Juni 2010

Berry der Tinto-Vernichter

30. Tag 27.06.2010
14:00 Uhr Galicien. Habe soeben Lukas beim gemeinsamen Essen verabschiedet.

Der sympathische 30 jährige Krankenpfleger hat heute gemeinsam mit mir Galicien erreicht und fährt aufgrund seines engen Zeitrasters von hier aus mit dem Bus eine größere Strecke in Richtung Santiago de Compostela.
Berry ist auch schon über die ersten galicischen Berge hinweg. Die kurze Etappe nach Ribadeo hat den 58-jährigen Niederländer nicht annähernd ausgefüllt und so läuft er eben noch mal gut 20 Kilometer mehr an diesem bewölkten Tage.

Berry ist vor 3 Monaten von seinem Wohnort in Holland losgepilgert und dürfte heute bereits den 2.000sten! Kilometer auf seinem Weg erreicht haben. Fit wie ein Turnschuh ist er der Hubertus alias Berry und ein Erfolgsgeheimnis dafür hat er mir verraten. Der sparsame Holländer (nicht böse gemeint, Berry!) verlässt jeden Tag in der Frühe als erster die Herberge und genießt beim mittäglichen Pilger-Menue den Umstand, dass er die mit dem Essen gereichte Flasche Rotwein nicht mit anderen Pilgern teilen muss. In Gänze wird somit täglich von ihm allein der Liter Rebensaft geleert und dieser gibt ihm anscheinend die Kraft für den Rest der zu bewältigenden täglichen Strecke. Vino Tinto sozusagen als Treibstoff für die Muskeln!
Ich hingegen habe mein heutiges Schonprogramm in die Tat umgesetzt, bleibe in Ribadeo beim Fußball und genieße galicisches Bier der Marke Estrella Galicia. Habe gestern spät am Abend sogar meinen Frieden mit Asturien geschlossen. Das Bild der Küste

und der Anblick des Sonnenuntergangs im Hafen von Tapia de Casariego

haben den Asphalt aus meinem asturischen Langzeitgedächtnis verbannt.
Adios Asturia!
Adios Lukas, Viva La Vida!
Hola aus Galicien
DC
Tageskilometer am 30. Tag: 14,3 km
Entfernung nach Santiago de Compostela: 198,7 km
Song den ich beim Schreiben dieser Zeilen im Ohr habe: Strawberry Swing, Coldplay

Alemania – Inglaterra
Quatro:Uno!

Verfasst von: Caminopilger | 26. Juni 2010

Entzaubertes Asturien

29.Tag 26.06.2010

Wie Bilder täuschen. Traumhafter Küstengang könnte man meinen, aber die Realität sah gestern wie heute anders aus. Immer wieder Beton, Asphalt, weggebaggerte Jakobswege und ständig zu überquerende Nationalstraßen, so die rauhe Wirklichkeit!

Den zugegebenermaßen bilderbuchartigen Anblick der steilen Küste hatte ich heute erst in letzter Minute beim Ankommen in der Herberge, die spektakulär alleine an der Felsküste steht. Zuvor habe ich auf der Strecke von Pinera nach Tapia de Casariego 6 Stunden das Meer nicht gesehen.
Auch auf die Gefahr hin, derzeit als Caminopilger-Nörgler rüberzukommen, darf ich meine Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Ich kann die Euphorie der anderen Pilger über den „Costa“ zumindest für den asturischen Teil der Küste überhaupt nicht nachvollziehen. Für mich war das meiste in Asturien ein unglaublich hartes Brot. Jetzt freue ich mich auf Ribadeo/Galicien, das ich bereits morgen gegen Mittag erreichen werde, soweit meine diversen Handicaps ( rechter Fuß (alt), linke Wade (neu) ) nichts dagegen haben… .
Mal schauen, ob wir dann am Nachmittag den Engländern ein weiteres traumatisches Elfmeterschiessen bieten. Football is Coming home. Welcome back in Manchester, Mr. Wayne Rooney!

Hola aus Tapia de Casariego

PS: Vielleicht fehlen mir in diesem Jahr Navigator und Jesus viel Meer auf dem Weg als ich dachte…
Tageskilometer am 26.06.2010: 26,0 km
Entfernung bis Santiago de Compostela: 212,4 km

2 Fotos von Mitpilgern mit denen ich in den letzten Tagen die Freizeit nach der Wanderung verbringen durfte:

Hubertus (Berry) aus Den Bosch (NL)

Lukas aus Pforzheim

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