Aufbruch an der Basilique

Gestern bekam ich aus der Heimat den freundlichen Hinweis, dass ich zwischenzeitlich Lothringen verlassen habe und in ein anderes Departement gelangt sei. Stimmt! Derzeit bewege ich mich im Departement „Des Vosges“ (Vogesen) und konnte am heutigen Streckenprofil recht bald erkennen, dass es von Tag zu Tag immer hügeliger wird und weit mehr „Höhenmeter“ täglich zu bewältigen sind. Dies erklärt dann auch die Tatsache, dass der niederrheinische Bummelexpress keine 5 km Wegstrecke je Stunde bewältigt. 6,5 kg Gepäck plus 2,5 Liter Wasser müssen ja auch mit auf die vogesischen Hügel geschleppt werden. Die stabile Wetterlage hält dazu in Frankreich unverändert an und lieferte auch heute bestes Sommerwetter. Trotzdem konnte man es noch sehr gut auf dem Weg aushalten, da mir vormittags immer wieder ein frischer Wind um die Ohren pfiff und nachmittags der größte Teil des Caminos in schattenreichen Wäldern verlief.

Pilgerherz was willst du wettertechnisch gesehen mehr?

Früh am Morgen traute ich meinen kurzsichtigen Augen und meiner üblicherweise gewissenhaft funktionierenden Nase nicht! Stand ich doch urplötzlich vor einer hektargroßen Hanfplantage und vernahm dort einen bittersüßen beißenden Geruch. Es kamen Zweifel bei mir auf auf, nachdem ich ein wenig von den Blüten der Pflanzen in meinen Händen zerrieben hatte. Ich kontaktierte ein paar Experten in der Heimat und erzählte Ihnen von den vermeintlichen Marihuanapflanzen und musste mich nach dem Übersenden der Beweisfotos mit der vorherrschenden Expertenmeinung dann zufriedengeben, dass es wohl doch eher Nutzhanf gewesen sein wird, der im Gegensatz zu den psychoaktiven Cannabissorten, kein THC enthält.

Cannabis mit oder ohne THC

In der Schlußphase der heutigen Pilgerwanderung zeigte sich der Wald vor Rouvres-la-Chétive von seiner spendabelsten Seite und schenkte mir leckere reife Himbeerfrüchte, die, auch im Hinblick auf die rudimentäre Versorgungssituation, von mir mit großer Begeisterung einem ausgiebigen Geschmackstest unterzogen wurden. Pure Freude kam da bei mir auf.

Waldhimbeeren mit einem himmlichen Aroma

Mangels alternativer Möglichkeiten bin ich heute im, etwas in die Jahre gekommenen, Landhotel La Frezelle in Rouvres-la-Chétive untergekommen und wurde hier mit einem äußerst proteinreichen Pilgermenü und wohltuender Gastfreundschaft für die Mühen des Tages belohnt.

Bonne nuit de Rouvres-la-Chétive, Vogeses

Die Bilder des Tages:

Cafebar (kein Symbolbild!)
Johanna am Morgen
Meine täglichen Begleiter
insbesondere die orangefarbenen Schmetterlinge begleiten mich an allen Tagen, obwohl ich doch gar kein Niederländer bin!
Kirchenuhr zeigt 13:05 Uhr
Pilgerbrücke
Rollainville
Le Chemin Rollainville
Französische Kühe suchen im Wald den Schatten
Pilgerromantik Hotel La Frezelle
Cafe
Die heilige Johanna/Jehanne/Jeanne

Zu Beginn darf ich ehrlich zugegeben, dass ich die „Heilige Johanna“ wohl niemals im Leben ohne den 1981 von der britischen Band Orchestral Manoeuvres in the Dark (OMD) veröffentlichten Hit „Joan of Arc“ so verinnerlicht hätte. Seit den goldenen 80ern ist mir Jeanne D’Arc also ein Begriff und heute durfte ich ihren Geburtsort Domrémy-la-Pucelle (Tagesziel) näher kennenlernen. Ohne Johanne läuft hier nix! Sie ist Namensgeberin für so vieles im Ort vom Restaurant bis hin zum mit Mirabellenkonzentrat aromatisierten Bier. Santé!

Mirabellenbier

Ich habe mich heute wesentlich besser als gestern auf dem Weg gefühlt! Das lag sicherlich einerseits an dem etwas einfacheren heutigen Streckenprofil. Andererseits habe ich auch die Tipps aus der Heimat in Sachen Knieschmerz beherzigt. In den letzten Tagen wurde „auf Teufel komm raus“ gedehnt, morgens, abends und sogar tagsüber wiederholt auf dem „Chemin“. Zu meiner Erleichterung und großen Freude scheinen die krankengymnastischen Übungen tatsächlich dem Caminopilger zu helfen.

Den heutigen sonnenverwöhnten Tag pilgerte ich überwiegend entlang des wohl größten Kornanbaugebiets Ost-Frankreichs. Landwirtschaftliche Erntemaschinen waren unentwegt im Einsatz um die Ernte gebündelt einzufahren und auch ich wurde kurzfristig zum „Erntehelfer“. Den traditionellen Versorgungsengpass zur Mittagszeit wollte ich heute nicht so einfach hinnehmen und erlaubte mir kurzerhand bei der „Zucchini-Ernte“ mit anzupacken. Folgerichtig gabs dann für mich ein wahren Leckerbissen zum Mittagessen: Zucchini-Burger, rohe Zucchini im goldgebackenen Baguette ummantelt.

Kornkammer

Übernachten werde ich heute in der Basilique Sainte Jeanne d‘Arc (wie soll sie auch anders heißen) und freue mich sehr endlich wieder eine „echte“ Pilgererfahrung auf meinem Pilgerweg machen zu dürfen. In einem Seitenflügel der bezaubernden Basilika befindet sich eine funkelnagelneu ausgestattete Wohneinheit mit 2 Einzelräumen zum übernachten von jeweils 2,20 x 2,00 Meter Größe. Nahezu luxuriös, wenn ich an so manche Massen-Pilgerherberge in Spanien denke. Bin natürlich allein in der Basilique. Die Einsamkeit des Pilgers auf dem „Chemin des Allemandes“ scheint sich diesbezüglich für mich leider fortzusetzen. Nullkommanull Fuß- bzw. auch Radpilger auch am dritten Tag.

Im unmittelbar neben der Basilika gelegenen Sterne-Restaurant „Le Bois Chenu“ habe ich am Abend als absolutes Highlight des Tages ein köstliches Pilgermenü für überaus pilgerfreundliche 12€ serviert bekommen. Welch großartiges Kontrastprogramm im Vergleich zu den Speisen der Tage zuvor. Ich lass die Fotos an gewohnter Stelle einmal für sich selbst sprechen. Für mich war es auf jeden Fall das qualitativ beste Pilgeressen aller bisherigen Pilgerwanderungen. Fantastique!

À bientôt de Domrémy-la-Pucelle

Die Bilder des Tages:

Le Chemin
Shadowplay
Das Paradies an der Maas
Brückenpilger
Hinweisschild Jakobsweg
Limoncello-Falter
sunflowers
Domrémy-La-Pucelle
Basilique Sainte Jeanne d‘Arc
Basilique Sainte Jeanne d‘Arc Seitenansicht
Basilique Sainte Jeanne d‘Arc innen
Basilique Sainte Jeanne d‘Arc innen
Pilger-Einzelzimmer
Restaurant
Erster Gang
Zweiter Gang
Zweiter Gang Nahaufnahme
Ditter Gang Dessert
Letztes Bild für heute

Die erste Etappe auf dem Chemin des Allemands zeigte Wirkung und brachte am Tag 2 einen nicht ganz taufrischen Pilger auf den Weg. Der „Bummelexpress vom Niederrhein“ lief folgerichtig auf Sparflamme durch die hügelige Landschaft und wunderte sich am Ende der Wanderung doch sehr, dass er von der Mosel startend in Chalaines die Maas begrüßen konnte.

Mitpilger habe ich in dieser so sehr einsamen Gegend im „Grand Est“ Frankreichs wieder keine gesehen. Selbst Fahrradfahrer 🚴‍♂️ scheinen diese Ecke wie der Teufel das Weihwasser zu scheuen.

Das erklärt mitunter auch die bescheidene Infrastrukur hinsichtlich der täglichen Versorgung und Übernachtsmöglichkeiten. Die ersten 3 Schlafgemächer habe ich notwendigerweise mit „Airbnb“ gebucht. Dies ist eine völlig neue Erfahrung für mich auf dem Camino und raubt mitunter ein wenig das Erlebnis der Pilgerreise, da Herbergen zum Gesamtpaket einfach dazugehören.

Mangels menschlicher Wesen „unterhielt“ ich mich auf dem Weg dann eben wiederholt mit dem Innenmeniskus meines rechten Kniegelenks und machte diesem klar, dass er mich nicht ständig piesacken soll … .

Zur Belohnung der Mühen des Tages gab es dann für mich am Abend in Vacouleurs in der Pizzeria Giuletta eine leckere vegetarische Pizza und ein frisch gezapftes „Leffe“ Bier.

Zu meinem Erstaunen war dabei das köstliche italienische Hefegebäck auch mit Kartoffeln belegt. Vielleicht wollte man dem Gast aus Deutschland auf dem „Chemin des Allemandes“ eine ganz besondere Freude zu-/bereiten.

Salut de Chalaines!

Die Bilder des Tages:

Der Morgen auf dem Camino
Le Chemin
Geranienzeit
Freude
Schneckentempo (Symbolbild)
Diese kleinen Wesen mag ich sehr!
Pause muss sein!
Bald bin ich da …
Rathaus Chalaines
Maas
Ziel erreicht
Das gelbe Haus (heutige Unterkunft)
Schöner Brunnen
Schöner Blumenkasten
Canal de la Haute Meuse, Vaucouleurs
Rathaus Vaucouleurs
Pizza mit Kartoffelscheiben!
Wasser, leider nicht trinkbar!

20 Grad, größtenteils bewölkter Himmel, Pilgerherz was willst du mehr? So ähnlich muss ich heute morgen gedacht haben als ich die erste „richtige“ Etappe gegen 9:00 Uhr im, insgesamt betrachtet, doch eher „grauen“ Pompey in Angriff nahm. Nach meinem gestrigen „Last-Minute-Check-In“ ging ich nahezu wasserlos auf die Piste und war wirklich sehr erstaunt, dass es in ganz Pompey keinen Kiosk, geschweige denn Supermarkt, gab in dem ich meine Wasservorräte auffüllen konnte. Das stark gechlorte Wasser aus der Unterkunft verschmähte ich zu diesem Zeitpunkt noch selbstsicher, da ja sicherlich im 5 Kilometer entfernten Liverdun alle Wasserverkäufer der Welt mich geschäftstüchtig erwarten würden. Pustekuchen, auch da gab es diesbezüglich keine Einkaufsmöglichkeiten, obwohl die weltbekannten Mineralwasserquellen im nicht weit entfernten Vittel und Contrexville doch unermüdlich vor sich hinsprudeln. Das zuvor von mir geschmähte „Hahnwasser“ holte ich mir dann kleinlaut in der Touristen-Information zu Liverdun ab. Die beiden Damen in der Info ließen mich gerne meine beiden völlig entleerten Flaschen auffüllen und spendierten mir zur Krönung noch eine Tasse Kaffee und nen Eintrag im Pilgerausweis dazu. Feststellung des Tages: Die vielen „Logdowns“ der vergangenen zwei Jahre haben auch im Osten Frankreichs deutliche Spuren hinterlassen. Zahlreiche geschlossene Restaurants, Läden, Boulangerien, Cafebars und andere Einkehrmöglichkeiten sprechen zur besten Ferienzeit eine eindeutige Sprache. Die nächsten Tage sollten diesbezüglich besser von mir vorbereitet werden. Ansonsten gab es einen bunten Wandermix entlang der Mosel, in Wäldern, Wiesen und Feldern zu bewältigen, der am ersten richtigen Wandertag, nach so langer Pilgerpause für mich, schon sehr herausfordernd war. Toul ist eine Stadt mit ca. 17.000 Einwohnern, die neben einer Kathedrale auch reichlich abgefüllte Mineralwässer und Einkehrmöglichkeiten im Angebot hat.

Die Bilder des Tages:

Pompey einmal schilfgrün
Wer soll aus diesem Brunnen trinken?
Hach, die Mosella!
Lavendeltarnung
wieder keinen Cafe au lait bekommen …
wo ist der Fluss nur hin?
2. Frühstück mit gesponsertem Kaffee
Ausgangstor Liverdun
Kunst in Liverdun
Pilgeraufkleber anstatt Stempel
Eine Schönheit auf Oregano-Blüten
noch ne Schönheit
endlich auf dem Weg!
wild flower
photo by Heiner van Gogh
ich sach nix Meer zum Wasser
Toul kann so sehr hübsch sein!
Toul – grüner Öko-Kreisverkehr
Kathedrale Toul
Pilger auf dem Acker
Verfasst von: Caminopilger | 6. Juli 2022

Das Pilgerglück kam unverhofft in Nancy!

Der Prolog zur Pilgerwanderung Edition 2022

Pompey, 06. Juli 2022

Ganze sechs! Jahre ohne Jakobsweg. Unvorstellbar für einen Caminopilger … aber wahr. Im Juni 2016 verließ ich vor den Toren von Nancy letztmalig den Camino de Santiago und kehrte heute nach Pompey zurück um in den nächsten Tagen ein weiteres Teilstück auf dem sogenannten „Weg der Deutschen“ (Trier – Le Puy, Chemin de Saint Jacques en France) in Angriff zu nehmen. Über Toul, Vittel, Langres soll es dann ab morgen in 2 1/2 Wochen bis hinter Dijon gehen. Dabei ist es selbstredend wichtig für mich auf den eigenen Körper zu hören und nicht auf „Teufel komm raus“ stets mein anvisiertes Tagesprogramm durchziehen zu wollen. Das gilt um so mehr, wenn man im Vorfeld, fast schon traditionell vor einem anstehenden Weg, „etwas sehr“ schwächelte. Gürtelrose, Covid und andere Dramen zählen ab sofort nicht mehr… .

Die heutige Anreise verlief mit dem 9€ Volksticket und der Bahn von Viersen-Boisheim, über Mönchengladbach, Koblenz bis Luxemburg unerwartet unspektakulär.

Bei der anschließenden Weiterfahrt über Metz und Nancy nach Pompey hatte ich die Rechnung allerdings nicht mit der französischen Eisenbahn gemacht. Der ausgerechnet heute zum Beginn der Sommerferien beginnende Streik bei der französischen Bahn SNCF hat meine Anreise aus heiterem Himmel zum Geduldsspiel gemacht, da über 90 Prozent der Zugverbindungen in Richtung Metz und Nancy dem Streik zum Opfer fielen. Die ungewohnte lange Pause in Luxemburg nutzte ich um in der Stadt dem badischen Snow Patrol Fanclub einen Besuch abzustatten, schließlich spielte die Band um Gary Lightbody am Abend in der Neumünster Abbey mitten in Luxemburg ein umjubeltes Konzert, das von weiten Teilen des Fanclubs besucht wurde. Ich hingegen schaffte es mit einer gehörigen Portion Glück und Humor noch vor dem Konzert gegen 19:00 Uhr den Hauptbahnhof in Nancy zu erreichen. Da meine Pilgerwanderung ja bekanntlich von Pompey aus startend morgen beginnen soll, musste ich „nur noch“ diese letzte kleine Strecke nach Pompey bewältigen um meine Airbnb-Unterkunft beziehen zu können. Rien ne va plus, diese Rechnung hatte ich wieder mal ohne den Wirt gemacht. Kein Bus, kein Zug und auch keine Straßenbahn fuhr am heutigen frühen Abend mehr nach Pompey! Kurzerhand entschied ich, entgegen der ursprünglichen Planung, die Lowa-Wanderstiefel fester zu schnüren und entlang der Flüsse und Kanäle zu Fuß die 12 Kilometer nach Pompey zu laufen. So begann dank der streikfreudigen Franzosen meine Wanderung schon am heutigen späten Anreisetag und verschaffte mir die ersten Pilger-Glücksmomente auf meinem diesjährigen Camino-Abenteuer in Frankreich.

Die Bilder des Tages:

Urmitt Rheinbrücke
Koblenz Hauptbahnhof
Luxemburg Hauptbahnhof
Liberte/Luxemburg
Besuch des Snow Patrol Fanclubs Baden (Vorstand)
Gare De Metz
Metz
Bahnhof Metz
Nancy
First steps in Nancy in the sun
Nancy
Beschilderung meines Weges nach Pompey
Abendlicht
Into the Wild
Be Happy Schoki = Rosa Energieriegel
zu Essen gab es heute leider NIX (Fermee!)
Brücke in Frouard
Pompey in Sicht
Pilgerfeierabendbier
Gary Lightbody/Snow Patrol
am 06.07.2022 in Luxemburg

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